WH 11/16 „Hackamore-Reiten“

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Sehr geehrter Herr Oelke, sehr geehrte Redaktion, sehr geehrte Leser!

Mit Interesse habe ich Ihren Artikel in der Ausgabe Nov/2016 „Hackamore-Reiten ist besser?“ gelesen… Zugegeben, während des Lesens wechselten sich meine Reaktionen zwischen Verwunderung, Unverständnis und Kopfschütteln ab.

Ich reite seit gut 33 Jahren und befasse mich seit knapp 20 Jahren mit „Problempferden“ oder vielmehr mit „Problempferde-Menschen“ und gebe Kurse, Unterricht in Horsemanship und trainiere Pferde. Ich selbst bin im Besitz sieben eigener Pferde unterschiedlichster Rassen wie Quarter Horse, Paint Horse, Appaloosa und Warmblüter, mit den unterschiedlichsten Charakteren und Eigenschaften.

Einige der hier getroffenen Aussagen erachte ich als nicht zutreffend, und es bedarf einer Gegendarstellung. Ferner halte ich die Verwendung von Vokabeln wie „auszurotten“ und die Bezeichnung für Leute, welche eine andere Philosophie als Sie vertreten, wie „Guru“, in einem Sachbericht für unseriös 1).

Abgesehen davon müssen Sie zugeben, dass mehr und mehr Reiter sich diesen Systemen und Leuten zuwenden und auch bis in die Weltspitze hinein Erfolg haben, auch dass namhafte Westernreitausbilder erkannt haben, dass diese Systeme funktionieren und effektiv sind 2).

Somit sind süffisante Anmerkungen unangebracht.
Zudem vermisse ich in Ihrem Artikel die Objektivität und einen Rat oder Ausblick für den Leser 3).
Eine Sache einseitig mit strammen Behauptungen runterzureden und dann ohne Fazit oder Empfehlung stehen zu lassen, ist nur zu einfach 4).

Dass Sie Ernest Morris‘ Erfahrungen mit der Hackamore erwähnen, ist okay, aber leider nicht repräsentativ. Ja, er ist ein Oldtime Vaquero mit Erfahrung, nun aber vielmehr ein Autor und Künstler. Er praktizierte selbst noch die alten Methoden der Vaqueros, wie sie teilweise von Ed Connell in seinem Buch Hackamore Reinsman beschrieben wurden 5).
Sie werden mir zustimmen, wenn ich behaupte, dass einige dieser Methoden nicht mehr zeitgemäß und auch in heutiger Zeit nicht mehr akzeptabel sind. Zumal ein Vaquero in der „alten“ Zeit nicht die Zeit, Geduld und die Muße investierte, da dieser mit dem Pferd Geld verdienen musste, im Gegensatz zum „Hobbyreiter“ 7).

Ebenso die Passage „Hackamore oder gleich mit Halsring reiten“, steht in keinem ernsten Zusammenhang und ist Polemik 8).
Des weiteren spielt es überhaupt keine Rolle, ob ein Pferd sein Leben lang mit einer Hackamore geritten wird 9).
Ob es im eigentlichen Sinne ein Ausbildungsgebiss ist oder nicht, ist völlig egal. Wichtig ist, dass Pferd und Reiter sich wohlfühlen. Es ist vielmehr abhängig von den Zielen, die ein Reiter hat, und seinem Können, ein „Eisenbonbon“ verfeinernd zu benutzen.

Was ich nicht mehr hören kann und mich immer wieder erzürnt, ist für alles, was nicht funktioniert, das Pferd verantwortlich zu machen, als sei es allein derjenige, der zu lernen hat 10).
Sie schreiben von „Disziplin vom Pferd“ und „Respekt vor dem Gebiss“. Das sind Vokabeln und Gedanken der „ewig Gestrigen“. Richtig wären die Aussagen „Disziplin des Reiters im Umgang mit dem Gebiss“ 11).
Ein Pferd braucht keinen Respekt vor dem Gebiss haben, sondern Vertrauen zum Gebiss, aber Respekt zum Reiter.
Sie verlieren kein Wort zur Notwendigkeit der Ausbildung des Reiters 12).
Und hier ist genau der Punkt. Es gibt kaum eine andere Zäumung, über die solch grober Unfug erzählt wird, wie über die Hac­kamore. Viele Reiter, welche die Hackamore benutzen, wissen diese nicht korrekt handzuhaben 13). Bei falscher Handhabung verliert die Hackamore schlichtweg ihre Wirkung. In diesem Punkt stimme ich Ihnen hundertprozentig zu.
Der Fehler liegt aber nicht beim Pferd, sondern beim Reiter, der die Zäumung nicht handhaben kann.
Sie suggerieren dem Leser, dass er mehr Kontrolle über das Pferd hat, wenn er ein Gebiss/Trense benutzt. Diese Aussage halte ich für falsch! 14).
Und das ist es, was ich als Unsinn bezeichne, der endlich aus den Köpfen der Reiter hinaus muss 15).
Denn wenn das Pferd auf die Idee kommt, seine Energie gegen den Reiter zu wenden, um sich der Schmerzen zu entledigen, bekommen wir ein viel größeres Problem. Nicht selten kommt es zum Bocken, Steigen, Durchgehen, bis hin zum Überschlagen. Die Beispiele, die Sie in Ihrem Artikel aufführen, sind weitaus wahrscheinlicher, wenn Pferde sich auf dem Gebiss festbeißen und unkontrolliert in Panik oder Frust durchgehen 16).
Abgesehen davon ist es Fakt: Was in der Hackamore nicht funktioniert, funktioniert im Bit erst recht nicht 17).
Ich sage, solange die Kontrolle noch ein Thema ist, gehört kein „Eisenbonbon“ ins Pferdemaul. Warum? Weil ich auf den Pferdekopf einwirken kann, ohne dem Pferd Schmerzen zuzufügen 18).
Die Frage, die man sich stellen muss, ist, wofür soll ein Gebiss egal in welcher Form dienen? Einzig zur Verfeinerung, aber nicht zur Kontrolle!
Ich möchte nicht missverstanden werden und dass der Eindruck entsteht, ich sei gegen den Gebrauch von Trensen und Bits. Ich benutze bei meinen eigenen Pferden Hackamore, Snaffle Bits bis hin zum Spade. Ich habe Fälle in meiner Kundschaft, die alle ein ähnliches Schema haben 19).
Reiter suchen Hilfe, Tips und Ratschläge bei sogenannten Profitrainern, und anstatt an der Ursache anzusetzen, das Horsemanship und das Können des Reiters zu überprüfen und gegebenenfalls zu verbessern und das Pferd richtig vorzubereiten, wird lieber die Empfehlung nach einem anderen Bit ausgesprochen, ohne den Leuten die Wirkungsweise, noch die Handhabung zu erklären 20).
Der Reiter wird dann seinem Schicksal überlassen und geht mit dem Gefühl nach Hause, er habe alles richtig gemacht, und verlässt sich auf das Wort des „Profis“. Zu Hause stellt er fest, dass sich das Verhalten seines Pferdes verschlimmert und er das Gefühl hat, auf einem brodelnden Vulkan zu sitzen und dass das Pferd mehr und mehr zu Widersetzlichkeiten und Unkontrollierbarkeit neigt 21).

Da stelle ich nun Ihnen die Frage: „Wann hört das endlich auf?“
Wann beginnen endlich die Trainer, Reitlehrer und Lehrbuchautoren, Verantwortung zu übernehmen, gegenüber Reitschüler und dem „Lebewesen“ Pferd und nicht dem „Sportgerät“ Pferd? Dass dem Reiter ganz klar und unmissverständlich vermittelt wird, dass er in erster Linie derjenige ist, der gutes Horsemanship von der Pike auf zu lernen hat? Es reicht nicht aus, dass gelehrt wird, ein Pferd wie eine Maschine technisch zu bedienen 22).
Wann hört man auf, unerfahrene Reiter anzuleiten, Werkzeuge zu benutzen, von denen sie keinen blassen Schimmer haben? Wann verschwinden diese Methoden Hebel- und Korrekturgebisse sowie Hilfszügel in jeglicher Form zu verwenden, um Pferde gefügig zu machen und um damit die eigene reiterliche Unfähigkeit und Unwissenheit zu kompensieren? 23)
Ich kann nur jedem Reiter empfehlen, der mit seinem Pferd ein Kontrollproblem hat, und in der Absicht bestärken, auf die Hackamore zu wechseln.
Aber bevor er diesen Schritt geht, muss er sich im Vorfeld in der korrekten Handhabung von einem „Könner“ einweisen, solide unterrichten und bei der Vorbereitung des Pferdes helfen lassen 24).

In diesem Sinne, Chris Müller

Anmerkungen:

1) „Guru“ ist nur ein anderes Wort für Lehrer. Und „ausrotten“ kein Schimpfwort, sondern genau das, was mir in dem Zusammenhang als wünschenswert erscheint.

2) „Diese Systeme? Welche Systeme? Hier ging es einfach nur darum, davor zu warnen, von einem Ausrüstungsgegenstand Wunderdinge zu erwarten, die er nicht leisten kann, bzw. davor, sich und andere zu gefährden. Weltspitze? Welcher Turnierreiter der Weltspitze spricht seinen Erfolg dem Hackamore-Reiten zu?

3) Der Rat war der, nicht Leuten auf den Leim zu gehen, die ihnen einreden, mit der Hackamore gehe alles besser, man sei damit von vornherein der bessere Reiter, und die Hackamore sei kein Trainingszaum, sondern für das Reiten auf Dauer gedacht.

4) Ich habe nicht generell die Ausbildung mit der Hackamore „runtergeredet“ – das würde ich niemals tun. Sie sollte aber Könnern vorbehalten sein, weil sie viel diffizieler ist als mit z. B. Snaffle Bit.

5) Es ging gar nicht um eine Erfahrung von Ernie Morris, es ging um einen Old-time Trainer, über den ein anderer Oldtimer im Morris Buch erzählt.

6) Das steht natürlich jedem frei. Das hat der Ausbilder zu verantworten, was er seinem Schüler empfiehlt. Die Hackamore als generelles Allheilmittel hinzustellen, halte ich jedenfalls für falsch.

7) Das mag bis zu einem gewissen Grad stimmen bzw. auf manche zugetroffen haben, aber gerade die Ausbildung im alten Californien zeichnete sich vielmehr dadurch aus, dass Zeit keine Rolle gespielt hat, dass jedem Pferd so viel Zeit gegeben wurde, wie es nötig hatte.

8) Mit welcher Berechtigung bezeichnen Sie das als Polemik? Was würden Sie sagen, wenn jemand auf Sie verächtlich hinabsehen würde, weil er ohne Zaumzeug mit Halsring reitet und Sie ein Zaumzeug benutzen (Hackamore)?

9) Natürlich spielt es eine Rolle. Immer da, wo man einen gewissen Maßstab anlegt, wo man reiterlich ein gewisses Niveau erreichen will, spielt es eine Rolle.

10) Es ist unfair, mir aufgrund dieses Artikels zu unterstellen, ich würde das Pferd für irgendwas verantwortlich machen, das „nicht funktioniert“.

11) Haarspalterei. Okay, wenn der Reiter im Umgang mit dem Gebiss diszipliniert ist, dann hat das Pferd Respekt vor dem Gebiss. Andernfalls hat es Angst davor.

12) Darum ging es vordergründig auch nicht. Hintergründig schon, denn es erfordert eben viel mehr Ausbildung des Reiters, mit einer Hackamore effektiv arbeiten zu können.

13) Da sind wir uns dann ja einig.

14) Okay. Und ich halte sie für richtig. Es ist viel leichter für einen Reiter, das Nötige mit dem Snaffle Bit zu lernen, als mit der Hacka­more.

15) Was aus den Köpfen muss – und darum ging es in dem Artikel –, ist die Vorstellung, dass man nur eine Hackamore aufzäumen muss, und alles geht besser. Und dass man auf andere hinabschauen kann, die so primitiv sind, ein Gebiss zu benutzen.

16) Bocken, Steigen, Durchgehen usw. können mit einer Hackamore genauso vorkommen. Das hat gar nichts mit dem Thema zu tun. Ich würde aber behaupten, dass der Durchschnittsreiter bei Problemen eher in der Lage ist, sie zu meistern, wenn er einen Snaffle Bit benutzt. Aber wer durch Unfähigkeit und Unbeherrschtheit ein Pferd zum Bocken und Steigen bringt, der macht das in der Hackamore genauso wie mit dem Bit. Und speziell die Wahrscheinlichkeit eines Durchgehens ist bei der Hackamore viel größer.

17) Das ist nicht richtig. Es gibt Abertausende von Pferden, die in einer Hackamore ohne spezielles Training nicht das zeigen, was sie mit Bit gelernt haben und ohne weiteres leisten können.

18) Man kann einem Pferd auch mit der Hackamore Schmerzen zufügen, und man kann ohne weiteres mit einem Bit reiten, ohne ihm je Schmerzen zufügen zu müssen.

Da haben wir es wieder: die lieben Hackamore-Reiter und auf der anderen Seite die Bösen mit Gebiss, die dem Pferd Schmerzen zufügen wollen. Eine solche Darstellung ist unfair gegenüber allen Reitern, die keine Hackamore benutzen und gut oder auch sehr gut reiten.

19) Warum dann dieser Brief?

20) Wie kann man Derartiges von diesem Artikel ableiten? Soll hier allen Ausbildern unterstellt werden, die keine Hackamore benutzen, dass sie die Horsemanship ihrer Schüler nicht überprüfen und zu verbessern trachten? Dass sie ihnen Wirkungsweise der Zäumungen nicht erklären?

21) Ein völlig außerhalb des Zusammenhangs stehendes Szenarium. Es steht mit dem Thema in keiner Verbindung.

22) Dto.

23) Was hier allen Nicht-Hackamore-Trainern unterstellt wird, hat ebenfalls nichts mit dem Thema zu tun.

24) Das trifft auf jede Zäumung zu.

Der Anlass für diesen Artikel war eine DVD über Hackamore-Reiten, die der Redaktion zur Rezension zugesandt worden war. Darin wird einmal mehr die Hackamore als permanente Alternative zu herkömmlichen Zäumungen dargestellt und außerdem der Eindruck erweckt, als ginge mit der Hackamore alles besser und als seien die Hackamore-Reiter automatisch die besseren, eleganteren.
Dass dies nicht so ist, haben wir im WESTERN HORSE über die Jahre schon öfter vertreten, und es schien angezeigt, einmal mehr darauf hinzuweisen.
Auf kaum einen anderen Artikel hin habe ich mehr zustimmende und lobende Anrufe bekommen, meistens von Profis. Leider hat keiner von ihnen etwas geschrieben.
Vielem liegen nur Missverständnisse zugrunde. Eine Hackamore kann in den Händen eines Meisters begeisternde Resultate zeitigen. Aber auch da – und gerade da – sieht man ein, dass man dies im Bit zu konservieren trachten muss, weil das Pferd irgendwann gegenüber der Hackamore abstumpft. Ist die leichte, unmittelbare Reaktion nicht mehr vorhanden, die ein gutes Hackamore-Pferd auszeichnet, kann man sich fragen, wofür man sich die Arbeit gemacht hat. Das Pferd ist dann immer noch reitbar, aber der Glanz ist weg.
Wer sowieso nur Schlichtes reitet, der mag mit einer Hackamore lange zurechtkommen, wenn er im Viereck reitet. Wenn dieser damit ins Gelände geht, gefährdet er auch andere, und das ist nicht länger vertretbar. Natürlich können Pferde letzten Endes auch mit jedem Gebiss durchgehen, aber zu behaupten, man habe im Ernstfall mit einem Bit nicht mehr Kontrolle, ist realitätsfremd.

Hardy Oelke

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