Mein Lieblingspferd, mein Ehemann & ich… – Die Welt der Turniere verstehen

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Gestern Abend, so mein Ehemann, habe er nachgedacht: Jetzt, da die Abende länger werden und die Temperaturen steigen, merke er, als Mann ohne Lieblingspferd, dass es in diesem Pferdesport doch ein bisschen mehr gäbe, als er sich vorgestellt habe. Er frage sich nun, ob es denn auch für Menschen wie ihn eine Chance gäbe die Welt der Turniere zu verstehen. Und darüber solle nun ich, seine Ehefrau, doch einmal nachdenken.

Ok, dachte ich, es stimmt. Im Sommer nehmen wir unseren Sport besonders ernst. Wir haben keine Zeit und manchmal auch kein Geld mehr für lustige Wochenendaktivitäten. Jeder freie Moment oder zusätzlicher Euro wird in die Vorbereitung und das Training des Lieblingspferdes investiert. Es soll eben perfekt sein, wenn das zweite Leben auf  den Turnierplätzen beginnt. Wenn er, mein Ehemann, also will, dass seine Integration klappt, dann sollte er einige Dinge wissen:

Vor allem muss man bereit sein für viele lange Autobahnfahrten mit höchstens 100 Stundenkilometern und abgestandenem Kaffee oder Tee in einer Thermosflasche. Man muss bereit sein nach der Ankunft, wie auch immer die Fahrt mit dem Hänger war, gutgelaunt in der Meldestelle ziemlich lange zu warten, bis alle Formalitäten erfüllt sind um dann, wie es sich für richtige Pferdeleute gehört, das Pferd in seiner Turnierbox zu versorgen. Der Zeitplan wird dann zum wichtigsten Dokument, denn er bestimmt das Leben in den nächsten Tagen.

Reiter in der Turniersaison sind nachtaktiv. Im Durchschnitt beginnen die Tage um 5 Uhr morgens. Wer also sicher sein will die empfohlenen acht Stunden Schlaf zu erreichen, müsste spätestens um neun ins Bett. Und das hieße: Auf Wiedersehen soziales Leben. Das wäre aber schade, den Shows haben durchaus auch einen Spaßfaktor. Shoppen, essen, trinken, ein bisschen fachsimpeln, ein bisschen Klatsch und Tratsch gehören zu jedem Turnier. Wer gut zuhören und beobachten kann ist als Newcomer hier ganz weit vorn. Und ausschlafen kann man irgendwann zwischendurch, wenn man wieder zuhause ist.

„Kannst Du mal eben…“ hört man als Begleiter nahezu im Minutentakt. Kannst Du mal eben das Pferd halten, führen, noch mal überputzen, füttern, tränken, schauen ob alle im Zeitplan sind, schnell etwas zu trinken holen, die Hufe noch einmal überbürsten, den Putzkasten wieder aufräumen….. Die Mitgliedschaft im Fitnessstudio braucht man als Turnierbegleiter nicht mehr – bequeme Laufschuhe aber unbedingt. Stallgassen, Abreiteplatz, Meldestelle, Arena, überhaupt alles scheint immer dann der entfernteste Platz zu sein, wenn Kannst Du mal eben..’ genau dort zu erledigen ist. In neun von zehn Fällen steht auch der Hänger in einer weit entfernten Ecke, am gegenüberliegenden Ende des Showgeländes. Wenn der Partner entsetzt feststellt, dass er seine Nummer im LKW vergessen hat und er in zwei Minuten einreiten muss, hilft dann nur ein rekordverdächtiger Sprint.

Am Anfang der ‚Turnierbegleitungskarriere’ sieht es für den Neuling so aus, als könne er die einzelnen Vorsteller schon deshalb nie unterscheiden, weil er glaubt, dass alle Füchse gleich aussehen. Aber wird er schneller als gedacht auf der Tribüne sitzen, die Gewinner erkennen, das Line- up vorhersagen und die Entscheidungen der Richter kritisieren. Er wird Reiter an ihrem Sitz erkennen und schon auf dem Abreiteplatz sehen welches Pferd mit einer Schleife den Ring verlässt. Schnell wird er dann nicht mehr nur zuhören und beobachten, sondern selbst ein bisschen fachsimpeln und auch tratschen. Er ist ein vollwertiges Mitglied der Show-Szene und überhaupt nicht mehr müde.

Und wenn dann die Saison zu Ende ist und das Lieblingspferd mit mir in die Winterpause geht, dann ist seine zeit zu sagen „Kannst Du mal eben…“ Und das so mein Ehemann, habe er eigentlich nur hören wollen.

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